Die Welt des Josef Heeg

 

Josef Heeg war guter Dinge an dem Tag,

als ihm die Sache mit den Rumänen

widerfuhr. Er hatte seine alte Mutter in

Aschaffenburg besucht, in einem Gast­

hof Spätzle mit Schmelz gegessen und

dazu ein Bier getrunken. Eine gute Glücks­

grundlage. Jetzt war er unterwegs nach Hause,

mit seinem grauen Renault auf der Autobahn 3

in Richtung Osten. Heeg lebt in Waldbüttel­

brunn in Unterfranken, Ausfahrt Helmstadt. Als

Heeg abfuhr, war es schon dunkel. In der Kurve,

auf dem Seitenstreifen, sah er Warnblinker auf­

leuchten. Ein Kleinlaster mit fremdem Kenn­

zeichen. Es war der 22. Dezember 2013, sechs

Uhr abends.

 

Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich meine anderen Jünger haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

 

Josef Heeg, 60 Jahre alt, Sonderschullehrer

in Frühpension, hätte weiterfahren können.

Doch Heeg – der selten schneller fährt als hun­

dert Stundenkilometer, weil ihn die Eile in der

Welt ein wenig graust – hielt an.

Als er ausstieg, standen da drei Männer um die

50 und unterhielten sich in einer Sprache, die er

nicht verstand. Heeg fragte sie auf Englisch, ob er

helfen könne. Die drei Männer sagten, ihr Wagen

habe einen Getriebeschaden. Sie seien Hand­

werker aus Rumänien, auf Rückreise von einem

Job in England. Bis auf etwas Spritgeld hätten sie

ihren ganzen Lohn schon nach Hause geschickt.

Josef Heeg hätte den Pannenservice rufen

können. Doch Heeg – der von sich sagt, er glau­

be von einem Menschen stets das Beste – bat

einen der drei Männer in sein Auto und fuhr zu

sich nach Hause, Werkzeug holen.

Als Heeg und »John«, so nannte sich der

Unbekannte, wiederkamen, war es sieben. Der

Reparaturversuch schlug fehl, es wurde acht.

Um neun kam dann die Polizei. In Heegs Erin­

nerung beschränkte sich die Hilfe der Beamten

auf Beschimpfungen von »Rumänen« im All­

gemeinen und deren »Schrottkisten« im Spe­

ziellen. Die Polizisten riefen einen Abschlepp­

wagen. Heeg fragte, was mit den Männern

werden solle in der Nacht, und bekam zur Ant­

wort: deren Sache.

 

Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

 

Josef Heeg hätte jetzt, mit Worten des Be­

dauerns, alleine in sein Auto steigen oder die

drei zum nächsten Rasthof bringen können.

Doch Heeg – der sagt, statt zu bedauern, könne

man einfach mal was tun – nahm die Männer

mit nach Hause.

Als Heeg in seiner Wohnung ankam, kramte

er Decken aus dem Schrank, zog das Schlaf­

sofa aus, wärmte Essensreste auf und

öffnete ein paar Bierflaschen. Am Esstisch

grübelte er mit seinen Gästen, wie sie am

nächsten Morgen nach Rumänien kommen

könnten. Die Reparatur des Wagens würde

dauern. Also einen Flug buchen? Einen Platz

im Fernbus? Oder ein gebrauchtes Auto kau­

fen? Heeg sprach, die Männer aus Rumänien

schwiegen meist. Sie hätten Heeg auf ihren

Handys jetzt Familienfotos zeigen können, ta­

ten es aber nicht.

Josef Heeg hätte sich nun Sorgen machen

können, als Auftakt einer durchwachten Nacht.

Doch Heeg – der in seiner Küche sein Telefon,

das Portemonnaie und alle Messer hatte offen

liegen lassen – dachte, die armen Kerle seien ein­

fach müde. Und glitt in den Schlaf.

 

Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

 

Als Heeg am nächsten Morgen aufwachte,

am 23. Dezember um acht Uhr, war es totenstill

in seiner Wohnung. Auf Zehenspitzen schlich

er durch den Flur, um einen Blick ins Wohn­

zimmer zu werfen. Dort schliefen auf dem Sofa

die Rumänen.

Josef Heeg hätte die Fremden wecken kön­

nen. Doch Heeg – Bruder von neun Geschwis­

tern, Vater von sieben Kindern – ging leise aus

dem Haus und fuhr zum Bäcker.

Als Heeg zurück nach Hause kam, war das

Sofa leer, waren die Rumänen verschwunden, al­

lerdings nur ins Bad. Zum Frühstück gab es fri­

sche Brötchen, selbst gemachten Honig und

wieder diese eine Frage: Wie kommen die Rumä­

nen die 1700 Kilometer nach Bacău, bis hinter

die Karpaten?

Josef Heeg hätte den Gedanken unterdrücken

können. Doch Heeg – der sagt, die europäische

Idee müsse man leben – sprach seinen Gedanken

einfach aus: »Ich leihe euch mein Auto.«

Als »John« ihm seine Adresse aufschrieb, sah

Heeg nicht hin, ließ sich auch keine Pässe zeigen.

Er sagte, dass der Tank voll sei und er sein Auto

gern am 10. Januar des nächsten Jahres wieder­

haben würde. Da fragte »John«: Was sollen wir

machen, wenn wir an der Grenze in einem Auto

kontrolliert werden, das nicht uns gehört?

Josef Heeg hätte jetzt noch Abstand nehmen

können von der europäischen Idee und all seinen

Idealen. Doch Heeg – der daran glaubt, dass

Chancen Risiken meist überwiegen – gab »John«

seinen Fahrzeugschein.

 

Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten.

 

Als die Rumänen am 23. Dezember um elf

Uhr Waldbüttelbrunn verließen und Heeg sei­

nen grauen Renault ein letztes Mal um die

Straßenecke biegen sah, dauerte es nicht lange,

bis ein großes Geraune seinen Heimatort erfüll­

te: Papa! Josef! Jupp! Das Auto siehst du nie wie­

der! Der Heeg, der spinnt! Heeg macht keinen

Hehl daraus, dass er manisch­depressiv ist. Mit

den Ärzten der Uni­Klinik Freiburg habe er die

Krankheit aber in den Griff bekommen, sagt er.

Seine Gefühlsschwankungen fallen seitdem nicht

mehr so heftig aus. In depressiven Phasen ist er

müde. In manischen Momenten sieht er die Welt

ein wenig heller, als sie wirklich ist.

Josef Heeg hätte sich nun tagein, tagaus mit

dem Gedanken martern können, aus einer Lau­

ne heraus sein Auto verschenkt zu haben. Doch

Heeg – der seinem Umfeld genauso Diagnosen

ausstellt wie es ihm – hielt sich fest an seinem

Eindruck, dass die meisten Menschen die Welt

ein wenig dunkler sehen, als sie wirklich ist.

 

Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

Als Heeg am 10. Januar in seinem kleinen

Garten auf der Leiter stand und einen Apfel­

baum beschnitt, sah er durch das Geäst plötzlich

seinen grauen Renault um die Ecke biegen. Hin­

ter der Windschutzscheibe winkend: »John«. Es

war zehn Uhr, das Auto vollgetankt und frisch

gewaschen. Josef Heeg sagt heute, da sei er doch

überrascht gewesen: Er hatte mit der Rückkehr

seines Wagens erst gegen Nachmittag gerechnet.

 

Es hätte auch schiefgehen können - das mit dem Auto.

 

Bei einem Freund von mir ist es schiefgegangen.

Den haben Trickbetrüger um 400 Euro erleichtert.

 

Es hätte auch alles schiefgehen können - das mit dem Auto

und das mit dem Kreuz.

 

Es hätte auch alles schiefgehen können.

 

Ist es aber nicht.

 

Amen!

 

(Die Textbausteine über Josef Heeg sind ein Zitat aus "Die Zeit": http://www.zeit.de/2014/17/opfer-leihgabe-auto.)